Leserbrief zum SPIEGEL-Titel vom 4.9.2000: Was kann Psychotherapie?

Rundumschlag gegen die Psychotherapie

Ihre Titelgeschichte vom 4.9.2000 liest sich wie das Pamphlet zweier von ihren Psychotherapieversuchen enttäuschter Autoren, die ihre persönlichen, vielleicht psychotherapeutischen Enttäuschungen verallgemeinert gegen alle diejenigen wenden, die psychotherapeutisch tätig sind.

Der Jargon der Entwertung beginnt bei der offenbar als publikumswirksam eingeschätzten Bezeichnung "Seelenkundler" und endet bei der süffisanten Überlieferung der durch nichts gestützten Behauptung von Rolf Degen, daß die Schäden psychotherapeutischer Bemühungen größer seien, als die Folgen der marxistischen Lehre. Angesichts der menschenverachtenden Strukturen, die die marxistische Theorie für Millionen von Menschen hervorgebracht hat, ist dies eine geradezu ungeheuerliche Verhöhnung der Opfer von Diktaturen jeglicher Couleur.

Der Text strotzt vor falschem Wissen und Halbheiten und ist eine einzige Kolportage von Vorurteilen über Psychotherapie, wie sie selbst BILD nicht gröber darstellen könnte. Anstatt den Wissenschaftsbegriff zu problematisieren, der dem Psychotherapeutengesetz und dem Zulassungsverfahren für heilkundliche Tätigkeiten zu Grunde liegt, werden Psychotherapieverfahren unkommentiert neben esoterischen Heilslehren präsentiert. Aus der selbst hergestellten Nähe wird gefolgert, daß die Psychotherapie nichts taugt, weil esoterische Geschäftemacher sich an sinnsuchenden unglücklichen und / oder kranken Menschen bereichern. Stattdessen wird die Existenz von psychischer Krankheit schlicht geleugnet. Psychische Störungen werden zum persönlichen Versagen, zum Charaktermangel sozusagen.

Die Autoren ihres Artikels beklagen, daß Psychologische Psychotherapeuten noch nicht einmal Valium verordnen können, als bedeute dies die Kastration ihres beruflichen Wirkens schlechthin. Mittlerweile ist es in der gesamten Medizin und selbst bei Laien Allgemeingut, daß gerade dieses Medikament körperlich und psychisch abhängig macht und Ängste oft nur um den Preis der ärztlich verordnten lebenslangen Abhängigkeit kurzfristig lindert. Jeder einigermaßen gebildete Laie verfügt über solche Kenntnisse. Der SPIEGEL hat es offenbar nicht nötig, entsprechendes Wissen vom Leiter des Gesundheitsressorts zu verlangen. Stattdessen treibt Herr Halter nun schon seit Jahren sein Unwesen in Ihrer Zeitschrift, die im Gesundheitsressort schon seit mehr als 15 Jahren von einer hysterischen Berichterstattung geprägt ist. In diesem Zusammenhang erinnere ich nur an die völlig überzogene Berichterstattung im SPIEGEL über Aids Anfang der 80er Jahre. Wäre die damalige Gesundheitsministerin, Rita Süßmuth, überzeugte SPIEGEL-Leserin, hätten wir heute die staatliche legitimierte Internierung der Betroffenen.

Auch die Auswahl der Experten, auf die sich die Autoren berufen, kann durchaus als Gruselkabinett bezeichnet werden, wobei ich unterstellen muß, daß Äußerungen so gemacht worden sind, wie sie die Autoren referieren. Die Verhaltenstherapeutin, Frau Lupke outet sich als verhaltenstherapeutische Psychotechnikerin, die es vermeidet, sich mit ihren Patienten auf eine persönliche therapeutische Beziehung einzulassen, wie ihre Einlassungen zeigen: "Ich bin doch kein Mülleimer" oder die Platitüde, daß sie Menschen, die Angst vor dem Sterben haben, eher zum Tiefenpsychologen schicken würde. Auch die Psychologie-Professorin Eva Jaeggi, die ihre berufliche Autobiografie 1991 mit dem Titel "Neugier als Beruf" veröffentlicht hat, hat sich mit diesem entlarvenden Buch eher als Voyeurin der Probleme anderer Leute zu erkennen gegeben, denn als ernstzunehmende Psychotherapeutin.

Warum werden keine Patienten interviewt, denen Psychotherapien geholfen oder auch nicht geholfen haben? Die Einschätzungen von intelligenten, selbstbetroffenen Laien müßten Ihnen doch mindestens genauso wichtig sein, wie die Meinungen der von Ihnen ausgewählten Fachleute, wenn es um die Effekte von Psychotherapie geht.

Ihr Artikel zeichnet das Bild, daß Psychotherapeuten hochbezahlte Quacksalber sind. Statt der von Ihnen genannten die 145,- DM pro Stunde für die Therapiesitzung, zahlen die KV'en zwar nur knapp 100,- DM, aber mit der Wahrheit nimmt es der SPIEGEL im Gesundheitsressort offenbar nicht so genau. Emotionen sind Ihnen offenbar wichtiger.

Der Artikel über die hilflosen Helfer mit dem Untertitel "Warum sich der Mensch nicht therapieren, erziehen oder beeinflussen läßt", zeigt indes die Motivation der verantwortlichen SPIEGEL-Redakteure: Wir sind ein Volk von dummen eingebildeten Kranken, das dem Heer der psychotherapeutischen Scharlatane aufsitzt und sich dabei noch gut fühlt. Insofern befinden sich die Autoren in bester Gesellschaft mit den für dumm gehaltenen: Auch jahrelange journalistische Tätigkeit führt nicht in jedem Fall zu einer differenzierten Berichterstattung. Daraus zu folgern daß alle Redakteure in Gesundheitsressorts deutscher Zeitschriften undifferenzierte Schreiberlinge sind, entspräche dem Niveau Ihrer Titelgeschichte.

Dr. Matthias Fünfgeld

Psychologischer Psychotherapeut, Freiburg im Breisgau